Strohwitwer auf Brautschau

Komödie "Achterbahn" von Eric Assous als Münchner Gastspiel an den Kammerspielen

Achterbahnfahren, das ist wie der quälend lustvolle Selbstzerstörungsversuch auf Raten, an dessen Ende man verwundert feststellt, dass man noch lebt - und es dennoch immer wieder tut. Fallhöhen und Tempo der Beschleunigungsmaschinerie lassen Gehirn und Eingeweide außer Rand und Band geraten. Wir wissen, was uns in der nächsten Kurve der rasanten Berg-und-Tal-Fahrt erwartet und können nichts unternehmen, um den Lauf zu stoppen.

Ein bisschen von diesem Achterbahnnervenkitzel, ausgelöst durch wohlkalkuliertes Timing aus Bremsen und Beschleunigen, Sturzfahrten und Höhenflügen, hätten wir uns in den Kammerspielen gewünscht. "Achterbahn", eine Komödie von Eric Assous, macht dort als Gastspiel der Komödie im Bayerischen Hof und Münchner Tourneeproduktion Verschnaufpause. Mit Susanne Schäfer und Peter Bongartz als Sie und Er, Pierre und Juliette.

Die beiden renommierten Protagonisten haben in bereits monatelangem Zusammenspiel zu einer Bühnenkommunikation gefunden, die zentimetergenau kalkuliertes dialogisches Spontan-Pingpong vorgibt, wo flüssige Routine herrscht. Die allerdings auf hohem handwerklichen Niveau. Peter Bongartz als alternder Weißkopf, der eine junge Frau abschleppt, tut sich freilich anfänglich schwer in der Attitude des selbstgefällig bornierten Ehemanns als Gelegenheitslebemann. Er wirkt verkrampft, bemüht locker, was in der Figur des Strohwitwers zwar angelegt ist, aber es sieht gemacht aus, nicht überzeugend.

Im zweiten Teil des Stücks ist er wesentlich reduzierter, echter und komisch, weil verunsichert durch totale, alkoholbedingte Amnesie. Hat er mit ihr geschlafen? Hat er nicht? Wer ist sie überhaupt? Und: Was für ein Spiel treibt sie mit ihm?

Susanne Schäfer zieht derweil optisch alle Register in dem Verwirrspiel vorgegebener Professionen von der schüchternen jungen Frau, über die Edelprostituierte bis zur Reporterin, die für ein Frauenmagazin die Verhaltensweisen von verheirateten Männern beim Aufreißen von Frauen erkundet. Aber irgendwie bleibt ihre Figur gleich und glatt. Die Spannung, wer diese junge Frau tatsächlich ist, hält sich bis zur Pause deutlich in Grenzen. Gut ist sie immer dann, wenn sie kühl und schnell pariert und ihn aus der Fassung bringt.

Vielleicht liegt es aber auch an der Inszenierung von Michael Wedekind, die sich möglicherweise im Tourneealltag angewöhnt hat, auf Pointen auszuruhen. Zumal nicht alles, was der sehr produktive französische Komödienschreiber Assous zu Papier bringt, von bedenkenswerter Wichtigkeit oder Schlagfertigkeit ist. An die Stücke von Yasmina Reza reicht er noch längst nicht heran. In Frankreich hat immerhin Filmlegende Alain Delon die Uraufführung von "Achterbahn" gespielt, was den Stellenwert des Autors dort verdeutlicht. Irgendwann mahnt Pierre, es sein kein Sketch, sondern ein Augenblick Leben, den sie beide gerade in einem fiktiven Dialog auf Tonband retouchieren, weil die Wahrheit für ihn unangenehme Folgen haben könnte, wenn Ehefrau und Sohn aus den Skiferien zurückkommen. Dieses Vermitteln von Leben vermissen wir, selbst wenn die teils spritzigen, teils geschwätzigen Dialoge zu sketchartigem Handeln verführen, oder in breiten Klischeefallen landen.

Das Ende, wir wollen es nicht verraten, trieft vor Sentimentalität, die jeder Tele-Herzblatt-Sendung gerecht wird. Pierre sieht nun klar und verkündet seiner Frau am Telefon, bei deren vorzeitiger Heimkehr "nichts Schlimmes, aber Wichtiges" sagen zu wollen. Schließlich liebt man sich ja und Pierre gehört nicht zu den verheirateten Männern, das steht fest, die die Heirat als reinen Amtszustand werten, sondern als Geisteszustand. Ein bisschen Maulhurerei darf es dann schon mal sein und auch ein kleiner Seitensprung.

Zu einem lauschig sinnlichen Rendezvous taugt seine Wohnung ohnehin nicht, die Bühnenbildner Thomas Pekny in eine graue Regal- und Sitzlandschaft mit wenigen Accessoires, zwei Bildern und Familienfotos verwandelt hat. "Klar, ohne Schnörkel", sagt Pierre mit weltmännischer Geste, der vorgibt, ein reicher Mann zu sen. "Graue Periode" konstatiert Juliette trocken und vollkommen unbeeindruckt. Erfolgs-Autorin Yasmina Reza lässt grüßen in den Anfangsdialogen, die Amüsement auslösten.

Am Ende gab es hanseatisch-ordentlichen Beifall.

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